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Rund 1300 Heimatvertriebene aufgenommen - Heimat- und Geschichtsverein Heuchelheim-Kinzenbach e.V.

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Vor 80 Jahren waren in Heuchelheim und Kinzenbach rund 1300 Heimatvertriebene aufzunehmen

Die Einwohner der Gemeinden Heuchelheim und Kinzenbach hatten sich gerade von den Grauen der Bombenangriffe und von den Übergriffen der amerikanischen Besatzungsmacht erholt - viele Evakuierte aus Großstädten wohnten bereits in beiden Orten und in Heuchelheim waren allein 40 Häuser von den Amerikanern beschlagnahmt - da wurden beide Dörfer und beide Landkreise (Gießen und damals noch Wetzlar für Kinzenbach) von einer neuen schweren Belastung betroffen. Im Frühjahr 1946 trafen fast ohne Ankündigung in Heuchelheim etwa 900 und in Kinzenbach ungefähr 400 Heimatvertriebene ein. Sie waren in Güterwaggons eingepfercht im Bahnhof Gießen bzw. im Bahnhof Wetzlar angekommen. 50 kg Gepäck pro Person war alles, was ihnen mitzunehmen gestattet war. Alles andere, der in Jahrhunderten erarbeitete Familienbesitz, Haus, Hausrat und vieles andere mussten im Osten oder Südosten zurückgelassen werden. Das Schlimmste war: Sie wurden aus der alten, angestammten Heimat herausgerissen, vertrieben, in ein ihnen unbekanntes Land mit fremden Menschen, anderen Sitten und Gebräuchen eingewiesen. Der einzige Trost war ihre Freiheit. Frei von Angst, frei von Repressalien, die sie zuletzt erdulden mussten, nur weil sie Deutsche waren. Die vier Großmächte hatten im „Potsdamer Abkommen“ die Vertreibung bzw. Umsiedlung genehmigt. Das Schwierigste war die Unterbringung der Heimatvertriebenen. Im Krieg waren keine Neubauten errichtet worden und etliche Wohnhäuser waren noch durch die Bombenangriffe zerstört. So mussten die Familien in den Häusern noch enger zusammenrücken, um Zimmer freizumachen. Da blieben oft harte Worte nicht aus. Es war nicht leicht, diesen Menschen, die einer schier trostlosen Zukunft entgegensahen, Hoffnung und Mut zuzusprechen. Für diese meist selbstlose Hilfe der Bevölkerung einschließlich der damaligen Gemeindevorstände (Bürgermeister Albert Schmidt in Heuchelheim und Bürgermeister Heinrich Pfaff in Kinzenbach) waren die Vertriebenen meist dankbar. Der Mut zum Überleben wurde stärker und stärker. Trotz ärgster Wohnraumbegrenzung meisterten die Heimatvertriebenen ihren Alltag. Sie suchten sich meist Arbeit und halfen in der Landwirtschaft, um ihre Ernährung zu sichern. Sie beteiligten sich am öffentlichen Leben und trugen bereits ab 1948 Mitverantwortung in den Gemeindeparlamenten. Um ihre eigenen Interessen zu wahren, organisierten sie sich im Bund der Vertriebenen (BdV).  

Die meisten der damals in Heuchelheim und Kinzenbach angekommenen Heimatvertriebenen sind heute nicht mehr unter uns. Nur einige der damals im Kindesalter in beiden Orten angekommenen  Heimatvertriebenen leben heute noch. Sie sind meist in die Schulklassen gekommen, die eine große Klassenstärke hatten und zum Teil auch in Sälen von Gaststätten unterrichtet wurden. Besonders die jüngeren Heimatvertriebenen konnten sich gut einleben, nachdem die Besatzungsmacht die Vereine wie Turn- und Gesangvereine wieder zugelassen hatten. Es kam zu Verbindungen zwischen der meist evangelischen einheimischen Bevölkerung und den meist katholischen Neubürgern. Die Pfarrer und Kirchenvorstände in Heuchelheim und Krofdorf für Kinzenbach hatten ab 1947 die Nutzung der evangelischen Dorfkirchen zur Abhaltung von katholischen Gottesdiensten erlaubt. Nach der Freigabe der Heuchelheimer Turnhalle und besonders nach der Währungsreform im Sommer 1948 verbesserten sich auch die Lebensverhältnisse der Heimatvertriebenen. Sie begannen alsbald, für sich Wohnhäuser meist in Eigen- und Nachbarschaftshilfe zu bauen, da finanzielle Mittel nur spärlich zur Verfügung standen. Es wurden neue Baugebiete ausgewiesen, in Heuchelheim erfolgte dies überwiegend in Richtung Kinzenbach, wo von der Gemeinde auch Wohnhäuser an der Kinzenbacher Straße sowie in der Siedlung Linnpfad, heute Sudetenstraße, an der „Schirbelkaut“ (mit Hausmüll verfüllte ehemalige Tongrube der Ziegelei Müller, heute Fa. Bedra), später Festplatz, errichtet wurden. Auch in der Industriesiedlung Abendstern wurden nahe Dampfsägewerk Abendstern Wohnhäuser errichtet, die damals weitab vom Dorf lagen. Die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen kamen aus West- und Ostpreußen, Schlesien, aber auch aus Polen, Russland und Rumänien. Die meisten der Heimatvertriebenen kamen jedoch aus dem Sudetenland, heute Tschechien, und hier aus den Kreisen Mährisch-Schönberg und Bischofteinitz nach Heuchelheim und in Kinzenbach aus dem Kreis Römerstadt sowie aus Zsambek in Ungarn.

An die Ankunft der Heimatvertriebenen erinnert eine Gedenktafel an der Südseite des ehemaligen Kinzenbacher Bahnhofs, heute Heimatmuseum Heuchelheim, Bahnhofstr. 30, das an der früheren Landesgrenze zwischen dem Königreich Preußen und dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt in der Kinzenbacher Gemarkung liegt. Im Heimatmuseum wurde mit tätiger Hilfe der Vertriebenen im 1. Stock liebevoll eine Heimatstube eingerichtet, in der die Erinnerung an die alte Heimat der Vertriebenen und Flüchtlinge wachgehalten wird. In der Neuauflage der Ortschronik von Dr. Konrad Reidt, die vom damaligen Kulturring Heuchelheim im Jahre 1986 herausgegeben wurde, ist ab Seite 405 ein Artikel über die Neubürger von Heuchelheim und Kinzenbach  eingefügt. Außerdem steht im Heimatmuseum auch das 60-seitige Kulturring-Heft 19 „Vertreibung, Integration und Neubeginn (Dokumentation von Werner Rinn anlässlich 60 Jahre Vertreibng 1946/2006) für Interessierte zur Verfügung.

Heimat- und Geschichtsverein Heuchelheim-Kinzenbach e.V. Arbeitskreis Ortsgeschichte
Online seit dem 27.12.2020
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